Denn sie wissen nicht, was sie denken
Irren ist menschlich und auch akademisch
Die NZZaS vom 26. Juni berichtet, dass erstmals seit 2003 das Angebot an Lehrstellen die Nachfrage übersteigt. So sollen z.B. bei Novartis bereits rund 20 bis 30 % der Lernenden (Auszubildenden) aus dem nahen Ausland stammen. Wir haben uns in der Schweiz bereits daran gewöhnt, dass wir qualifizierte Fach- und Führungskräfte im Ausland rekrutieren müssen, um unsere Wirtschaft voran zu bringen. Dass wir immer mehr auch Lernende importieren müssen, ist dann doch für viele wohl eine Neuigkeit. Ist es auch eine Überraschung? Nicht wirklich.
Der Grund ist nicht bloss die Demografie. Unser Schweizer Trumpf, die arbeitsmarktorientierte duale Berufsbildung, geriet nämlich ob der Diskussion um die Hoch- und Maturitätsschulen sträflicherweise in deren Schatten. Die Umstrukturierung der Hochschulen im Zuge des Bologna-Prozesses zog die Politik, Medien und Öffentlichkeit derart in Bann, dass wir eine zentrale Stütze unserer Wirtschaftskraft aus dem Blickfeld verloren haben. Kluge Köpfe der Akademien der Wissenschaften stellten unlängst in ihrem Weissbuch über die Zukunft der Bildung Schweiz die duale Berufsbildung gar als mögliches Auslaufmodell dar. Man sah das Heil in massiv höheren Maturitäts- und Hochschulquoten.
Die duale Bildung mit der dazugehörenden höheren Berufsbildung wurde weit unter ihrem Wert gehandelt. Und das rächt sich jetzt offenbar. Viele Eltern raten ihren Kindern blind den Weg an die Hochschule, und viele Kinder folgen diesem Rat. Das ist nicht klug, auch wenn kluge Leute dazu raten. So vielfältig unsere Wirtschaft ist, so vielfältig sind die Qualifikationsanfoderungen an die Arbeitskräfte. Darauf kann es nicht nur eine einzige angemessen Antwort geben. Unser Bildungssystem ist dank der Berufsbildung sehr flexibel und vielfältig, wie unsere Wirtschaft auch. Und daher kann unser Bildungssystem auf die Bedürfnisse der Wirtschaft rasch und effizient reagieren. Wenn wir fordern, dass die duale Berufsbildung gestärkt wird, meinen wir nicht, dass die Hochschulen geschwächt werden. Aber wir müssen von der Profilierung des einen Bildungsstrangs zulasten des anderen absehen. Beide Stränge sind für sich wertvoll und bedürfen der sorgfältigen Pflege.
Die klügsten Akademiker können irren, wenn es um die Beschreibung und Bewältigung der Realität geht. Ein schlagender Beweis dafür, dass akademisch nicht gleich besser ist. Hätte man statt der Akademien der Wissenschaften Akteure der dualen Berufsbildung gefragt, welche Bildungsabgänger in Zukunft gefragt sein werden, wäre ein viel realitätsnäheres und praktisches Ergebnis herausgekommen: Ohne unser ausdifferenziertes Bildungssystem, das die duale Berufsbildung als ganz wichtigen Teil versteht, lässt sich der Schweizer Wohlstand nicht halten und weiter entwickeln.
Illusionen und Selbsttäuschung im öffentlichen Schulwesen
Mein 13-jähriger Sohn will Arzt werden. Die freudige Nachricht: Die erste Hürde zu diesem anspruchsvollen Ziel hat er genommen, die Aufnahmeprüfung ins Langzeitgymnasium ist bestanden. Alles andere als freudig waren die Erfahrungen mit unserer Volksschule auf dem Weg zur Aufnahmeprüfung.
Die öffentliche Schule hat einen Vorbereitungskurs angeboten, und damit ist auch schon alles Positive gesagt. Die Qualität dieses Kurses war nämlich erbärmlich. Mein Sohn sagte mir, das Tempo sei sehr langsam und er verstehe die Erklärungen der Kursleiterin nicht. Der Kurs gab ihm keine Orientierung. Alle Kinder gaben negative Rückmeldungen zum Kurs. Der rasche Hinweis auf diesen Umstand wurde mit dem Argument abgeschmettert, die letztjährige Erfolgsquote der Prüflinge lasse den Schluss zu, der Vorbereitungskurs sei gut. Ich hatte verstanden: Man will nichts unternehmen.
Für mich war klar: Auf unsere Volksschule kann ich nicht zählen. Und es war mir auch plötzlich klar, weshalb die privaten Vorbereitungskurse boomen. Ich tat, was viele andere Eltern auch tun: Zusätzlich zum öffentlichen habe ich meinen Sohn in einen privaten Vorbereitungskurs eingeschrieben. Und die Erfahrung war äusserst positiv. Mein Sohn ging gerne in den Kurs! Er sagte mir, der Unterschied zum öffentlichen Kurs sei sehr gross. Die Lehrerin im privaten Kurs könne die Aufgaben so erklären, dass er sie verstehe. Den öffentlichen Kurs wollte mein Sohn nicht mehr besuchen. Ich beliess ihn drin nach dem Motto: Nützt es nichts, schadet es nichts.
Von der Anbieterin des privaten Kurses erhielt ich während der Vorbereitung drei Berichte über den Lernfortschritt meines Sohnes und auch Tipps, wie er sich verbessern könne. Von unserer Volksschule hörte ich: nichts.
Mein Mitleid gilt allen Eltern und Kindern, die auf die Volksschule vertrauten und/oder sich einen privaten Vorbereitungskurs nicht leisten konnten. Von Chancengleichheit kann leider keine Rede sein. Das liegt allerdings nicht an den privaten Angeboten, die es in diesem Masse nicht gäbe, würde die öffentliche Volksschule ihren Job erfüllen. Der Markt spürt Ineffizienzen und Ineffektivitäten – zu unserem Glück – rasch auf. Es ist die öffentliche Schule, die der Chancengleichheit zuwiderhandelt. Für sie gilt offenbar: Was nicht sein kann, darf nicht sein. Ich bin sehr enttäuscht.
Wie eingangs bemerkt hat mein Sohn, als einer der wenigen unserer Gemeinde, die Aufnahmeprüfung ins Langzeitgymnasium auf Anhieb geschafft. Einige Tage nach der Notenmitteilung hatte ich schon ein Mail der Anbieterin des privaten Kurses, die wissen wollte, wie es unserem Sohn ergangen war. Und nach meiner Antwort bekam ich umgehend ein Gratulationsschreiben. Von unserer Volksschule habe ich natürlich nichts gehört. Mein Fazit: Interesse bekundet und uns ernst genommen hat nur die private Anbieterin. Für den Kurs unserer Volksschule gilt: Er hat mich – ausser der Steuern – nichts gekostet. Und er war auch nichts wert.
Die öffentliche Schule wird unseren Sohn natürlich auch für sich als Erfolgsfall beanspruchen. Und unzufriedene Eltern werden in einem Jahr hören, dass der Vorbereitungskurs die Kinder zum Erfolg führe. Und so lebt unsere Volksschule weiterhin in Illusionen und täuscht sich selber. Zum Schaden vieler Kinder, die das Zeug für das Gymnasium hätten. Es ist an der Zeit, dass sich die öffentliche Schule der Realität stellt. Einmal mehr kann sie von den Privaten lernen. Aber will sie das?
Muss uns private Bildung teuer sein?
Neulich war ich im Rahmen einer Bildungsveranstaltung mit einem wiederkehrenden Vorurteil konfrontiert: Mit Bildung Geld verdienen ist unanständig. Dabei sind nicht die vielen Lehrkräfte oder Angestellten in Bildungsbehörden gemeint. Gemeint sind private Institutionen, die mit Bildung Geld verdienen und evtl. sogar Gewinn erzielen wollen. Ich meine, es ist ein grosses Glück, dass es private Bildung gibt. Die besten Universitäten der Welt – jene in den USA – sind beispielsweise mit wenigen Ausnahmen privat. Zugegeben: Auch unter den schlechtesten US-Unis sind die privaten gut vertreten. Ich will ja nicht bestreiten, dass die Qualität der Bildungsinstitutionen breit streut. Das gilt aber für private und für staatliche Institutionen. Und das gilt für alle Güter und Dienstleistungen auf unserem Planeten.
Der Gewinn berechnet sich aus dem Ertrag abzüglich der Aufwendungen einer Periode. Man erkennt rasch, dass ohne Gewinn keine Mittel für Investitionen verfügbar wären. Gewinnorientierung ist demnach die Basis der Zukunftsfähigkeit: Ohne Gewinn keine Investitionen und damit keine (Mittel zur Gestaltung der) Zukunft. Gewinn ist also keine Frage der Gier oder mangelnden Anstands. Ein Thema der Gier mag die Verwendung des Gewinns sein, nicht aber der Umstand, dass Gewinn erzielt werden muss. Darüber, ob der Staat, der Gewinne besteuert, oder die Aktionäre, die ihr Risiko belohnt haben wollen, hinsichtlich des Gewinns „gieriger“ sind, liesse sich bei Privatschulen streiten. Die meisten privaten Schulen sind Inhaber geführt, haben also ein Aktionariat, das langfristig orientiert ist.
Private, insbesondere Gewinn orientierte Bildungsinstitutionen, sind meist innovativer als staatliche. Wer sein Geld am Markt verdienen will, muss sich an ihm orientieren. Private Bildungsinstitutionen, die überleben wollen, müssen sich an den Bedürfnissen der Bildungsnachfrager ausrichten. Nur so finden sie Kunden. Lassen Sie mich einige Bildungsinnovationen in der Schweiz aufzählen, die der Privatinitiative entspringen: Höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschulen HWV (heute Hochschulen für Wirtschaft an Fachhochschulen), zweisprachige (immersive) Bildungsprogramme z.B. an Mittelschulen, Schulen für Kinder von Expatriates, Höhere kaufmännische Gesamtschulen HKG (heute Höhere Fachschulen für Wirtschaft) und viele mehr. Natürlich bieten auch staatliche Organisationen einige dieser Innovationen an; aber sie haben sie nicht erfunden, sondern kopiert! Ohne Private gäbe es viele wertvolle Bildungsangebote gar nicht, zu spät oder in ungenügender Menge.
Wer meint, mit Bildung Gewinn zu machen, sei unanständig, vertritt in der Regel auch die Ansicht, private Bildung sei zu teuer. Falsch! Private Bildung ist fast immer günstiger als staatlich finanzierte. Die gleiche Leistung wird vom Staat beinahe ausnahmslos teurer erbracht als von Privaten. Der Unterschied liegt in der Finanzierung. Private, Gewinn orientierte Bildung finanziert sich – wie schon bemerkt – meist über den Markt. Das heisst, der Bildungsnachfrager bezahlt – verursachergerecht – die Kosten inkl. Gewinnspanne für die Bildungsleistung. Bei der subventionierten Bildung bezahlt man weit weniger als die Kosten, glaubt man. Das stimmt nicht absolut, sind wir doch alle Steuerzahler und damit Financiers staatlich subventionierter Bildung. Private Bildung ist nicht teurer als staatliche und staatlich subventionierte; da wir letztere über unsere Steuern finanzieren, bringen wir sie bloss nicht in direkten Zusammenhang.
Private Bildung ist gemessen an der Leistung nicht teuer; als wesentlicher Motor von Bildungsinnovationen muss sie unserer Wissensgesellschaft teuer sein.
Titel machen Leute
Gottfried Keller schrieb 1874 seine Novelle „Kleider machen Leute“. Schein und Sein klaffen auch in unserer Zeit noch oft auseinander, denn Kleider machen auch heute noch Leute.
In Kellers Novelle verliert ein „Schneiderlein“ namens Wenzel Strapinski seine Arbeitsstelle, weil sein Vorgesetzter bzw. dessen Unternehmen in Konkurs geht. Er gelangt ins Städtchen Goldach, wo er aufgrund seiner feinen Kleidung für einen Grafen gehalten wird. Wie sich die Handlung weiter entwickelt, muss bei Keller nachgelesen werden. Nur so viel:
Das Schneiderlein ist noch (Jung-)Geselle und sein ehemaliger Vorgesetzter ist Schneidermeister. Drücken wir dies modern und neudeutsch aus, so hat Herr Wenzel Strapinski, Bachelor of Tailoring, ein Unternehmen verlassen, welches unter einem Master of Tailoring in Probleme geraten ist.
Stellen wir uns vor, Wenzel Strapinski würde im Jahr 2011 nach Goldach reisen und sich in einem Textilunternehmen bewerben. Er gäbe sein Visitenkärtchen ab, auf dem unter seinem Namen Bachelor of Arts (in Tailoring) stünde. Ich kann mir gut vorstellen, dass bereits dieser wohl klingende Titel Eindruck machen würde, noch bevor man sich mit Strapinskis Lebenslauf und seinen praktischen Fähigkeiten auseinandersetzte, denn auch Titel machen Leute.
Für die höhere Berufsbildung in der Schweiz wünsche ich mir daher, dass man den Titelbezeichnungen und ihrer Wirkung mehr Beachtung schenkt. Wir haben in der Schweiz zwar vom Ausland abweichende Bildungspfade, doch diese führen zu Kompetenzen und Berufsbildern, die auch im Ausland bestehen. Es muss daher möglich sein, konzise, attraktive und im In- wie Ausland allgemein verständliche Titel zu bezeichnen. Der Arbeitsmarkt profitiert von Titeln, die unabhängig vom zurückgelegten Bildungsweg über das Bildungsergebnis Auskunft geben. Titel machen Leute. Daher sollen Leute Titel bekommen, die aussagen, welche Fertig- und Fähigkeiten diese Leute mitbringen.
Menschen sollen die höhere Berufsbildung nicht deshalb meiden, weil deren Titel falsch eingestuft oder einfach nicht verstanden werden. Wenn immer mehr Menschen allein der Titel wegen Hochschulen belegen wollen, schadet dies nicht nur der höheren Berufsbildung. Weder unserer Volkswirtschaft noch unseren Hochschulen ist damit gedient. Nur auf Hochschulen zu setzen ist genauso falsch, wie diese zu schwächen.
Monokulturen sind nie gesund! Das gilt auch für eine Bildungslandschaft. Die Stärke der Schweiz ist ein guter Mix von HochschulabsolventInnen und AbsolventInnen der höheren Berufsbildung. Das Eine gegen das Andere auszuspielen, schwächt das Gesamtsystem. Ziel muss eine fruchtbare Symbiose sein. Diese ist möglich, wenn sich die Akteure respektvoll begegnen und gemeinsam den bildungspolitischen Dialog suchen. Oder um mit Gottfried Keller zu schliessen: «Wir bleiben nicht gut, wenn wir nicht immer besser zu werden trachten.»
Forschungsbasierte Unternehmen – unternehmerisch basierte Forschung
Hans Ulrich Stöckling schreibt in der NZZ vom 17.8., was die meisten Bildungspolitiker gebetsmühlenartig bei jeder sich bietenden Gelegenheit wiederholen: Sparen in Bildung und Forschung sei Teufels, und Sparen bedeute immer auch automatisch Leistungsverschlechterung.
Natürlich ist Sparen nicht wirklich angenehm. Und natürlich schläft die Konkurrenz nicht. Aus eigener Erfahrung weiss ich aber, dass viele staatliche Bildungs- und Forschungsstätten durchaus schlafen: Nicht im eigentlichen Kernauftrag, aber hinsichtlich der Organisation. Forschungsbasierten Unternehmen ist insbesondere mit unternehmerisch basierter Forschung gedient. Damit meine ich, dass auch bei Sparzwang nicht bei der Kernaufgabe, nämlich der eigentlichen Forschung, abgebaut werden soll, sondern die Prozesse und Strukturen der Forschungsstätten angepasst werden müssen. Der Auftrag, der sich beim Sparzwang aufdrängt, ist keineswegs Leistungsabbau, sondern Effiziensteigerung. Das geht nicht? Hunderte forschungsbasierter Unternehmen in der Schweiz beweisen, dass sie auch in Zeiten abnehmender Mittelzufuhr den Output nicht verringern können, da sie sonst vom Markt verschwinden würden. Es hat noch viel Luft in der Organisation von Bildung und Forschung, Herr Stöckling.
Vielfältiges Bildungsangebot, einfältiger Regulierungsglaube
Auch die Bildungslandschaft wird von der Globalisierung erfasst. Es gibt keinen vernünftigen Grund, weshalb sich der Bildungsmarkt anders verhalten sollte als andere Märkte. Immer mehr ausländische Bildungsanbieter suchen ihre Kunden auch in der Schweiz. Damit nimmt die Anzahl der Bildungsprogramme zu, neue Titel und Abschlüsse dringen in die Schweiz. Die inländischen Anbieter reagieren natürlich auf diese neue Wettbewerbslage – mit neuen und zusätzlichen Angeboten. Damit entwickelt sich das Bildungsangebot noch rasanter.
Es ist eine Binsenwahrheit: Wer die Wahl hat, hat die Qual. Sehen wir es doch positiv. Man kann heute aus sehr vielen Bildungsangeboten wählen. Doch Vielfalt führt zu Unübersichtlichkeit, und selbst den Bildungs- und HR-Profis fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Es wird zunehmend schwieriger, die Spreu vom Weizen zu trennen, denn nicht nur die Inhalte, auch die Qualität der Angebote streut immer stärker. Das macht es den Bildungsnachfragern nicht leicht, das passende Angebot für sich zu finden.
Der Ruf nach Transparenz ist da nachvollziehbar. Jener nach Marktregulierung schon weniger. Der Wunsch, mit dem Eingreifen des Staates würde es besser, ist eine etwas einfältige Illusion. Es ist naiv zu glauben, der Staat oder staatlich eingesetzte Agenturen wüssten besser als der Markt, welche Angebote gut oder schlecht sind. Qualität ist ja bekanntlich nicht absolut, sondern immer nur in bezug auf einen konkreten Zweck hin zu beurteilen. Es ist auch falsch, wenn der Staat Weiterbildungsangebote subventioniert und den Markt so weitgehend ausser Kraft setzt. Steuergelder dürfen nur dort eingesetzt werden, wo der freie Markt ein wichtiges Bedürfnis nicht abdecken könnte. Was der Markt nachfragt, soll er auch bezahlen. Denn es ist vielfach nachgewiesen, dass Bildung hohe Renditen abwirft und die Absolventinnen und Absolventen von Bildung ihre Investition rasch refinanziert haben können.
Freuen wir uns also ob der Vielfältigkeit des Bildungsangebots. Der daraus resultierende Zwang, sich mit den eigenen Bildungsbedürfnissen und den zahlreichen Programmen eigenverantwortlich auseinanderzusetzen, ist für den Bildungserfolg fruchtbar. Ein amtlich administriertes, eingeschränktes Bildungsangebot kann da nicht mithalten. Oder glauben Sie wirklich, dass eine Behörde oder sonstige Stelle die optimale Wahl für Ihr Bildungsbedürfnis besser treffen kann als Sie selber?
Ausländer an unseren Hochschulen nützen dem Inland
Man diskutiert bei uns die Frage, ob wir zu viele ausländische Professoren haben und ob die zahlreichen ausländischen Studierenden höhere Studiengebühren bezahlen sollen. Für beide Fragestellungen habe ich volles Verständnis.
Ich habe Verständnis dafür, dass man sich Sorge um die heimische Wissenschaftselite macht, wenn deren Erfolgsaussichten getrübt werden. Und ich finde es legitim, dass sich die Steuerzahler fragen, ob sie auch Personen subventionieren sollen, die selber oder deren Verwandte keine Steuern im Lande des Studiums entrichten. (Immerhin besteht die Möglichkeit, dass ein Teil dieser Menschen nach dem Studium Steuern bezahlt.)
Mir geht es in meinem Post nicht darum, welcher Preis für ein Studium an einer Schweizer Uni für Ausländer (gemeint sind Menschen ohne feste Niederlassung in der Schweiz) angebracht wäre. Vielmehr beschäftigt mich die Frage, ob ausländische Professoren und Studierende für die Schweiz nützlich sind. In beiden Fällen sage ich: Ja, sofern wir es klug anstellen. Damit meine ich, dass wir bei allem Tun auch für einheimische Spitzenkräfte attraktiv sein und bleiben müssen. Junge fähige inländische Wissenschaftler müssen eine reelle Chance und attraktive Perspektive haben, in der Schweiz Professor werden zu können. Und Schweizer, die das Zeug zum studieren haben, sollen das ungehindert tun können.
Wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz ist in erster Linie, dass wir hervorragende Professoren haben. Die Nationalität muss da eine nachrangige Bedeutung haben. Ohne hervorragende Professoren gibt es keinen hervorragenden Wissenschaftsplatz Schweiz, wovon die Schweiz mit all seinen Bewohnern profitiert. Die Universitäten mit den besten Rankings haben einen grossen Anteil Ausländer unter den Professoren und Studierenden. Exemplarisch verweise ich auf die Lehrkräfte der renommierten London Business School. Würde die London Business School Quoten für britische Professoren einführen, hätte sie ihren Spitzenplatz wohl nicht mehr lange. Wer die Besten der Welt hat, kann es mit der Welt aufnehmen.
Auch ausländische Studierende können sehr nützlich sein; ob sie nun nach dem Studium die Schweiz wieder verlassen oder nicht. Bleiben sie hier, stiften sie einem Unternehmen mit ihrem Können und dem Staat über die Steuern und Sozialabgaben Nutzen. Verlassen sie die Schweiz nach dem Studium wieder, bleiben i.d.R. doch gewisse Bande bestehen. Dies kann für die Anbahnung internationaler Geschäfte sehr wertvoll sein. Wer zur Schweiz während seines Studiums eine gute Beziehung aufgebaut hat, wird diese auch später gerne als Geschäftsmann oder -frau aufrecht erhalten.
Wenn die Geschichte eines beweist, dann wohl das, dass offene Gesellschaften höheren Wohlstand erreicht haben als geschlossene. Gelingt es der Schweiz, Spitzenkräfte – seien es Professoren oder Studierende – an unseren Hochschulen zu haben, gewinnen v.a. auch wir Inländer. Das müssen wir bei allen Rechnungen im Kopf behalten.
Von wegen sparen in der Bildung!
“Wir dürfen uns in der Bildung nicht tot sparen.” “Bildung ist unser wichtigster Rohstoff, also dürfen wir hier nicht sparen.” Solche Aussagen sind uns in der Schweiz zum Thema öffentlich finanzierter Bildung bekannt. Nun, in Wirklichkeit geben wir immer mehr Geld für Bildung aus. Wird also gespart? Man könnte meinen ja, werden doch z.B. die Klassen in der Volksschule und die Anzahl Studenten pro Professor an Hochschulen immer grösser. Wie sieht es mit der Bildungsadministration aus? Ja, auch diese wird immer grösser. Wird das Geld für Bildung also sinnvoll eingesetzt? Klassisch stellen sich folglich die zwei betriebswirtschaftlich relevanten Fragen nach der Effizienz und der Effektivität: Werden die Mittel richtig und für das Richtige eingesetzt?
Effektivität: In der Schweiz wird sehr viel in Infrastruktur investiert. Unsere Bildungsanlagen sind nicht selten auf sehr hohem Niveau und gerne auch an bester (und teuerster) Lage. Dann haben wir eine wahre Projektitis an Schulen. Viele Projekte haben keinen direkten Bezug mehr zum Grundauftrag der Schule, kosten aber Geld und Zeit der Lehrkräfte. Elternabende werden zu Events umgestaltet, damit die Eltern etwas erleben können. Ich erinnere mich ungern an einen Elternanlass, an dem ich zum Basteln aufgefordert worden bin; ein andermal hätte ich Brot backen sollen. Das kostet wertvolle Zeit der Lehrer und damit auch Geld. Und mit der Betreuung ausserhalb des Unterrichts übertreiben wir massiv. Legionen von Psychologen leben vom Bildungsfranken. Ist einmal ein Dienst geschaffen, sorgt er natürlich dafür, dass er nicht wieder abgeschafft wird. Bei der Anzahl Kinder, die in schulpsychologische Obhut kommen, muss es um den psychischen Zustand der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ganz schlimm bestellt sein. Interessanterweise scheinen Probleme wie Gewalt in der Schule trotz dieser Dienste nicht abzunehmen.
Effizienz: Wie viel vom Bildungsfranken entfaltet Wirkung bei den zu Bildenden, die im Mittelpunkt aller Anstrengungen stehen müssen? Hier geht es um die Leistungsfähigkeit des Bildungsapparats. Sind die Strukturen und Prozesse im Bildungswesen so gestaltet, dass sie in erster Linie den zu Bildenden dienen und nicht den Bildungsmittlern und -verwaltern? Was, wenn unser Bildungssystem nicht mehr Mittel, sondern ganz neue Organisationsformen braucht? Haben Sie sich nie gefragt, weshalb man bei Sparanstrengungen die Klassengrössen erhöhen, nicht aber die Anzahl Mitarbeitender in der Bildungsadministration und damit verbundener (und abhängiger) Dienste senken will? Überträgt man die Funktionsweise des Bildungssystems in die Automobilindustrie, würde man nicht nach neuen Motoren mit besserem Wirkungsgrad (mehr km pro Liter Kraftstoff) suchen, sondern möglichst viele Sitze in die Autos bringen ohne an besseren Motoren zu arbeiten.
Ich wage eine Schätzung: Wir könnten die gleiche Bildungsqualität mit einem Drittel weniger Mittel erreichen. Dabei geht es mir nicht direkt ums Sparen. Ich wäre bereit, das Drittel zu investieren, wenn wir die Bildungsleistungen damit um ein Drittel verbessern könnten. Und Sie?
Die Mär fehlender Bildungsgerechtigkeit
Gebetsmühlenartig hört man es allenthalben. In der Schweiz hat es zu wenig Chancengerechtigkeit in der Bildung. Zustimmen würde ich insofern, als für unsere Talente – Elite wäre ja ein unverschämtes Wort – in der Tat relativ wenig getan wird. Hingegen werden Bildungsschwache mit öffentlichen Mitteln intensiv gefördert. Trotz aller öffentlicher Fördermassnahmen stellt man aber frustriert fest, dass Kinder bildungsferner Schichten – ein schöner Begriff aus der politischen Küche – dennoch den Anschluss an die Bildung nicht richtig finden. Damit verknüpft sind dann Schwierigkeiten bei der Lehrstellensuche und später im Beruf. Und schon erklingt in gewissen (auch politischen) Kreisen der Ruf nach noch stärkerem staatlichen Engagement – es geht also um (Umverteilung von) Geld – wegen fehlender Chancengerechtigkeit. Es wird behauptet, der Zugang zu Bildung sei ungleich und damit ungerecht verteilt. Das ist schlicht falsch. Auch tausendfach wiederholte Unwahrheiten werden nicht wahrer.
Nicht der Zugang zu Bildung, auch zur höheren, ist ungerecht verteilt. Vielmehr sind die Einstellung zu Bildung und die Fähigkeiten ungleich in der Bevölkerung verteilt. Das mag einigen “ungerecht” erscheinen.
Um ein Problem zu lösen, muss man es zunächst erkennen und anerkennen. Will man etwas für die Bildungsschwachen tun, reicht Nachhol- oder Stützunterricht nicht. An den Einstellungen zum Lernen und zu Bildung muss man arbeiten. Und zwar v.a. an jenen der Eltern. In Familien, wo Bildung keinen Wert hat bzw. man ihr gegenüber negativ eingestellt ist, verpuffen fast alle Bildungsmassnahmen bei den Kindern. Damit ist schon gesagt, dass es sich um ein schwieriges Unterfangen handeln würde: An Einstellungen arbeiten ist hart und langwierig. Aber es wäre eine Arbeit an der Wurzel des Problems mit einer reellen Chance, irgendwann wirklich etwas Positives zu bewirken. Und was man auch unternehnmen mag, es wird immer Bildungsschwache geben. Erstens weil Bildungsschwäche relativ ist und sich am generellen Bildungsstand misst, und zweitens weil die Fähigkeiten ungleich verteilt bleiben.
Bei all dem: Vergessen wir bitte unsere Bildungsstarken nicht, eine der wichtigsten strategischen Erfolgspositionen unserer Wohlstandsgesellschaft. Auch diese haben Zuwendung und Förderung verdient. Denn indem wir unsere Starken schwächen, stärken wir unsere Schwachen nicht.

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