Vielfältiges Bildungsangebot, einfältiger Regulierungsglaube

Auch die Bildungslandschaft wird von der Globalisierung erfasst. Es gibt keinen vernünftigen Grund, weshalb sich der Bildungsmarkt anders verhalten sollte als andere Märkte. Immer mehr ausländische Bildungsanbieter suchen ihre Kunden auch in der Schweiz. Damit nimmt die Anzahl der Bildungsprogramme zu, neue Titel und Abschlüsse dringen in die Schweiz. Die inländischen Anbieter reagieren natürlich auf diese neue Wettbewerbslage – mit neuen und zusätzlichen Angeboten. Damit entwickelt sich das Bildungsangebot noch rasanter.

Es ist eine Binsenwahrheit: Wer die Wahl hat, hat die Qual. Sehen wir es doch positiv. Man kann heute aus sehr vielen Bildungsangeboten wählen. Doch Vielfalt führt zu Unübersichtlichkeit, und selbst den Bildungs- und HR-Profis fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Es wird zunehmend schwieriger, die Spreu vom Weizen zu trennen, denn nicht nur die Inhalte, auch die Qualität der Angebote streut immer stärker. Das macht es den Bildungsnachfragern nicht leicht, das passende Angebot für sich zu finden.

Der Ruf nach Transparenz ist da nachvollziehbar. Jener nach Marktregulierung schon weniger. Der Wunsch, mit dem Eingreifen des Staates würde es besser, ist eine etwas einfältige Illusion. Es ist naiv zu glauben, der Staat oder staatlich eingesetzte Agenturen wüssten besser als der Markt, welche Angebote gut oder schlecht sind. Qualität ist ja bekanntlich nicht absolut, sondern immer nur in bezug auf einen konkreten Zweck hin zu beurteilen. Es ist auch falsch, wenn der Staat Weiterbildungsangebote subventioniert und den Markt so weitgehend ausser Kraft setzt. Steuergelder dürfen nur dort eingesetzt werden, wo der freie Markt ein wichtiges Bedürfnis nicht abdecken könnte. Was der Markt nachfragt, soll er auch bezahlen. Denn es ist vielfach nachgewiesen, dass Bildung hohe Renditen abwirft und die Absolventinnen und Absolventen von Bildung ihre Investition rasch refinanziert haben können.

Freuen wir uns also ob der Vielfältigkeit des Bildungsangebots. Der daraus resultierende Zwang, sich mit den eigenen Bildungsbedürfnissen und den zahlreichen Programmen eigenverantwortlich auseinanderzusetzen, ist für den Bildungserfolg fruchtbar. Ein amtlich administriertes, eingeschränktes Bildungsangebot kann da nicht mithalten. Oder glauben Sie wirklich, dass eine Behörde oder sonstige Stelle die optimale Wahl für Ihr Bildungsbedürfnis besser treffen kann als Sie selber?

Checkliste für die Wahl Ihres Bildungsprogrammes

Ausländer an unseren Hochschulen nützen dem Inland

23/05/2010 1 Kommentar

Man diskutiert bei uns die Frage, ob wir zu viele ausländische Professoren haben und ob die zahlreichen ausländischen Studierenden höhere Studiengebühren bezahlen sollen. Für beide Fragestellungen habe ich volles Verständnis.

Ich habe Verständnis dafür, dass man sich Sorge um die heimische Wissenschaftselite macht, wenn deren Erfolgsaussichten getrübt werden. Und ich finde es legitim, dass sich die Steuerzahler fragen, ob sie auch Personen subventionieren sollen, die selber oder deren Verwandte keine Steuern im Lande des Studiums entrichten. (Immerhin besteht die Möglichkeit, dass ein Teil dieser Menschen nach dem Studium Steuern bezahlt.) 

Mir geht es in meinem Post nicht darum, welcher Preis für ein Studium an einer Schweizer Uni für Ausländer (gemeint sind Menschen ohne feste Niederlassung in der Schweiz) angebracht wäre. Vielmehr beschäftigt mich die Frage, ob ausländische Professoren und Studierende für die Schweiz nützlich sind. In beiden Fällen sage ich: Ja, sofern wir es klug anstellen. Damit meine ich, dass wir bei allem Tun auch für einheimische Spitzenkräfte attraktiv sein und bleiben müssen. Junge fähige inländische Wissenschaftler müssen eine reelle Chance und  attraktive Perspektive haben, in der Schweiz Professor werden zu können. Und Schweizer, die das Zeug zum studieren haben, sollen das ungehindert tun können.

Wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz ist in erster Linie, dass wir hervorragende Professoren haben. Die Nationalität muss da eine nachrangige Bedeutung haben. Ohne hervorragende Professoren gibt es keinen hervorragenden Wissenschaftsplatz Schweiz, wovon die Schweiz mit all seinen Bewohnern profitiert. Die Universitäten  mit den besten Rankings haben einen grossen Anteil Ausländer unter den Professoren und Studierenden. Exemplarisch verweise ich auf die Lehrkräfte der renommierten London Business School. Würde die London Business School Quoten für britische Professoren einführen, hätte sie ihren Spitzenplatz wohl nicht mehr lange. Wer die Besten der Welt hat, kann es mit der Welt aufnehmen.

Auch ausländische Studierende können sehr nützlich sein; ob sie nun nach dem Studium die Schweiz wieder verlassen oder nicht. Bleiben sie hier, stiften sie einem Unternehmen mit ihrem Können und dem Staat über die Steuern und Sozialabgaben Nutzen. Verlassen sie die Schweiz nach dem Studium wieder, bleiben i.d.R. doch gewisse Bande bestehen. Dies kann für die Anbahnung internationaler Geschäfte sehr wertvoll sein. Wer zur Schweiz während seines Studiums eine gute Beziehung aufgebaut hat, wird diese auch später gerne als Geschäftsmann oder -frau aufrecht erhalten.

Wenn die Geschichte eines beweist, dann wohl das, dass offene Gesellschaften höheren Wohlstand erreicht haben als geschlossene. Gelingt es der Schweiz, Spitzenkräfte – seien es Professoren oder Studierende – an unseren Hochschulen zu haben, gewinnen v.a. auch wir Inländer. Das müssen wir bei allen Rechnungen im Kopf behalten.

Von wegen sparen in der Bildung!

“Wir dürfen uns in der Bildung nicht tot sparen.” “Bildung ist unser wichtigster Rohstoff, also dürfen wir hier nicht sparen.” Solche Aussagen sind uns in der Schweiz zum Thema öffentlich finanzierter Bildung bekannt. Nun, in Wirklichkeit geben wir immer mehr Geld für Bildung aus. Wird also gespart? Man könnte meinen ja, werden doch z.B. die Klassen in der Volksschule und die Anzahl Studenten pro Professor an Hochschulen immer grösser. Wie sieht es mit der Bildungsadministration aus? Ja, auch diese wird immer grösser. Wird das Geld für Bildung also sinnvoll eingesetzt? Klassisch stellen sich folglich die zwei betriebswirtschaftlich relevanten Fragen nach der Effizienz und der Effektivität: Werden die Mittel richtig und für das Richtige eingesetzt?

Effektivität: In der Schweiz wird sehr viel in Infrastruktur investiert. Unsere Bildungsanlagen sind nicht selten auf sehr hohem Niveau und gerne auch an bester (und teuerster) Lage. Dann haben wir eine wahre Projektitis an Schulen. Viele Projekte haben keinen direkten Bezug mehr zum Grundauftrag der Schule, kosten aber Geld und Zeit der Lehrkräfte. Elternabende werden zu Events umgestaltet, damit die Eltern etwas erleben können. Ich erinnere mich ungern an einen Elternanlass, an dem ich zum Basteln aufgefordert worden bin; ein andermal hätte ich Brot backen sollen. Das kostet wertvolle Zeit der Lehrer und damit auch Geld. Und mit der Betreuung ausserhalb des Unterrichts übertreiben wir massiv. Legionen von Psychologen leben vom Bildungsfranken. Ist einmal ein Dienst geschaffen, sorgt er natürlich dafür, dass er nicht wieder abgeschafft wird. Bei der Anzahl Kinder, die in schulpsychologische Obhut kommen, muss es um den psychischen Zustand der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ganz schlimm bestellt sein. Interessanterweise scheinen Probleme wie Gewalt in der Schule trotz dieser Dienste nicht abzunehmen.

 Effizienz: Wie viel vom Bildungsfranken entfaltet Wirkung bei den zu Bildenden, die im Mittelpunkt aller Anstrengungen stehen müssen? Hier geht es um die Leistungsfähigkeit des Bildungsapparats. Sind die Strukturen und Prozesse im Bildungswesen so gestaltet, dass sie in erster Linie den zu Bildenden dienen und nicht den Bildungsmittlern und -verwaltern? Was, wenn unser Bildungssystem nicht mehr Mittel, sondern ganz neue Organisationsformen braucht? Haben Sie sich nie gefragt, weshalb man bei Sparanstrengungen die Klassengrössen erhöhen, nicht aber die Anzahl Mitarbeitender in der Bildungsadministration und damit verbundener (und abhängiger) Dienste senken will? Überträgt man die Funktionsweise des Bildungssystems in die Automobilindustrie, würde man nicht nach neuen Motoren mit besserem Wirkungsgrad (mehr km pro Liter Kraftstoff) suchen, sondern möglichst viele Sitze in die Autos bringen ohne an besseren Motoren zu arbeiten.

Ich wage eine Schätzung: Wir könnten die gleiche Bildungsqualität mit einem Drittel weniger Mittel erreichen. Dabei geht es mir nicht direkt ums Sparen. Ich wäre bereit, das Drittel zu investieren, wenn wir die Bildungsleistungen damit um ein Drittel verbessern könnten. Und Sie?

Die Mär fehlender Bildungsgerechtigkeit

Gebetsmühlenartig hört man es allenthalben. In der Schweiz hat es zu wenig Chancengerechtigkeit in der Bildung. Zustimmen würde ich insofern, als für unsere Talente – Elite wäre ja ein unverschämtes Wort – in der Tat relativ wenig getan wird. Hingegen werden Bildungsschwache mit öffentlichen Mitteln intensiv gefördert. Trotz aller öffentlicher Fördermassnahmen stellt man aber frustriert fest, dass Kinder bildungsferner Schichten – ein schöner Begriff aus der politischen Küche – dennoch den Anschluss an die Bildung nicht richtig finden. Damit verknüpft sind dann Schwierigkeiten bei der Lehrstellensuche und später im Beruf. Und schon erklingt in gewissen (auch politischen) Kreisen der Ruf nach noch stärkerem staatlichen Engagement – es geht also um (Umverteilung von) Geld – wegen fehlender Chancengerechtigkeit. Es wird behauptet, der Zugang zu Bildung sei ungleich und damit ungerecht verteilt. Das ist schlicht falsch. Auch tausendfach wiederholte Unwahrheiten werden nicht wahrer.

Nicht der Zugang zu Bildung, auch zur höheren, ist ungerecht verteilt. Vielmehr sind die Einstellung zu Bildung und die Fähigkeiten ungleich in der Bevölkerung verteilt. Das mag einigen “ungerecht” erscheinen.

Um ein Problem zu  lösen, muss man es zunächst erkennen und anerkennen. Will man etwas für die Bildungsschwachen tun, reicht Nachhol- oder Stützunterricht nicht. An den Einstellungen zum Lernen und zu Bildung muss man arbeiten. Und zwar v.a. an jenen der Eltern. In Familien, wo Bildung keinen Wert hat bzw. man ihr gegenüber negativ eingestellt ist, verpuffen fast alle Bildungsmassnahmen bei den Kindern. Damit ist schon gesagt, dass es sich um ein schwieriges Unterfangen handeln würde: An Einstellungen arbeiten ist hart und langwierig. Aber es wäre eine Arbeit an der Wurzel des Problems mit einer reellen Chance, irgendwann wirklich etwas Positives zu bewirken. Und was man auch unternehnmen mag, es wird immer Bildungsschwache geben. Erstens weil Bildungsschwäche relativ ist und sich am generellen Bildungsstand misst, und zweitens weil die Fähigkeiten ungleich verteilt bleiben.

Bei all dem: Vergessen wir bitte unsere Bildungsstarken nicht, eine der wichtigsten strategischen Erfolgspositionen unserer Wohlstandsgesellschaft. Auch diese haben Zuwendung und Förderung verdient. Denn indem wir unsere Starken schwächen, stärken wir unsere Schwachen nicht.

Schweiz: Reich wegen des Bildungssystems

Die Schweiz hat m.E. vier wichtige Gründe, die es zu einem der reichsten Länder der Welt gemacht haben.

  1. Wir waren von Kriegen verschont.
  2. Wir sind direktdemokratisch organisiert. Unsere Politiker haben geringere Aktionsradien als in anderen Systemen, da die Bürger viele Möglichkeiten zur „Opposition“ haben. So orientieren wir uns wohl am Wünschbaren, handeln aber im Rahmen des Mach- und Finanzierbaren.
  3. Wir haben einen hohen Arbeitsethos. Wir arbeiten nicht nur viel, sondern auch zuverlässig, qualitätsorientiert und mit einem Auge für Details. Wir suchen die beste und nicht die erst beste Lösung.
  4. Wir haben ein vorbildliches Bildungssystem, das sich stark an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes orientiert.

Den vierten Grund möchte ich vertiefen, da hier Gefahr in Verzug ist. Viele Menschen lassen sich von internationalen Trends beeindrucken und wollen diesen Trends gar folgen. Ein solcher Trend ist die Akademisierung. Der Anteil der Hochschulabsolventen ist in den letzten Jahren merklich gestiegen und zahlreiche Meinungsmacher und Politiker wollen ihn weiter erhöhen. Weil unser Bildungssystem einzigartig und vielfältig ist, wird es im Ausland – und auch im Inland! – oft nicht verstanden. So kommt es, dass z.B. in OECD-Analysen bemängelt wurde, die Schweiz habe zu wenige Teilnehmer in der „Higher Education“. „Higher Education“ ist im OECD-Verständnis Hochschulbildung. Das stimmt für die Schweiz nicht. Bei uns gibt es die (duale) höhere Berufsbildung, die auf hohem Niveau hoch qualifizierte und stark berufsorientierte Fach- und Führungskräfte bildet.

Die OECD und auch immer mehr Menschen in der Schweiz verwechseln Zweck und Mittel. Hochschulen sind nicht Zweck der Bildung. Aus wirtschaftlicher Sicht ist der Zweck von Bildung, Wirtschaft und Gesellschaft mit genügend hoch qualifizierten Personen zu versorgen, die der Schweiz im internationalen Wettbewerb eine Spitzenposition (weiter) sichern. Hochschulen sind dabei nur ein Gefäss bzw. Mittel zum Zweck, hochqualifizierte Fach- und Arbeitskräfte zu bekommen. Es wäre aber höchst unvernünftig, nur auf ein Mittel zu setzen. Daher ist die typisch schweizerische höhere Berufsbildung so wichtig. Sie versorgt die Wirtschaft mit berufspraktisch hervorragend gebildeten Menschen.

Ein weiterer positiver Effekt der schweizerischen Bildungsvielfalt ist, dass sie unterschiedlichen Talenten Rechnung trägt und eine hohe Bildungs- und damit berufliche und soziale Mobilität ermöglicht. Fazit: Die Schweiz verdankt ihren Wohlstand zu einem grossen Teil seinem Bildungssystem, das aus einem Mix hochschulischer Bildung und der dualen Grund- und höheren Berufsbildung besteht. Dieses System darf auf keinen Fall aus dem Gleichgewicht geworfen oder gar abgeschafft werden; es ist sorgfältig weiterzuentwickeln und zu optimieren. Ich schliesse mit einem Zitat aus der NZZ am Sonntag vom 16. August 2009: «Was … irritiert, ist die Vorstellung, dass es die Akademiker sind, die der Schweiz heroisch den Wohlstand sichern.»

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