Kafkaeskes in der Bildungslandschaft

21/01/2013 1 Kommentar

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus einem unruhigen Traum erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ Dies ist der erste Satz Kafkas „Die Verwandlung“. Dieser eine Satz genügt als Erklärung dafür, weshalb das Adjektiv „kafkaesk“ oft eine Kurzform für unheimlich-absurd-grotesk ist.
Was kafkaesk ist, unterliegt selbst einem Wandel. Was heute grotesk und absurd erscheint, kann morgen normal oder gar nötig sein. Das klingt abstrakt, weshalb ich das an einem Beispiel aus der Bildungswelt konkretisieren möchte.
„Als Gregor Samsa, dipl. Betriebswirtschafter HF, eines Morgens aus einem Traum erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem «Bachelor in Business Administration, College of Higher Education and Training» verwandelt.“ Vermutlich geht es Ihnen, wie es mir ging, als ich diesen Titel das erste Mal hörte: „Das ist doch grotesk, ja absurd.“ Und für diese Reaktion habe ich alles Verständnis. Je länger ich aber darüber nachdenke, desto mehr freunde ich mich mit der Idee an, Absolventinnen und Absolventen Höherer Fachschulen einen Bachelor-Titel zu verleihen, der nicht vorgaukelt, ein Hochschulabschluss zu sein. Warum?
Dass mir unsere Höhere Berufsbildung und besonders die Höheren Fachschulen ein grosses Anliegen sind, brauche ich nicht zu betonen. Und dass die Schweiz ihren Wohlstand u.a. der Höheren Berufsbildung verdankt, ist zum Glück kein Geheimnis mehr. Nun müssen wir durchaus mit Bedauern anerkennen, dass es Erfolgsrezepte gibt, die in hektischen und unübersichtlichen Zeiten unterzugehen drohen. Nachdem die Globalisierungswelle unsere Hochschulen beinahe Tsunami gleich bereits überspült und verwandelt hat, wovon die angelsächsisch geprägte Titelnomenklatur zeugt, erfasst diese Welle den Gesetzen der Systemtheorie folgend auch alle übrigen Bildungsbereiche.
Unsere schweizerische Höhere Berufsbildung kann nicht abgeschottet werden; sie kann aber als Element unseres wirtschaftlichen Erfolgs bewahrt werden, wenn wir Denkbarrieren überwinden. Wesentlich an der Höheren Berufsbildung ist doch ihr Charakter: handlungs- und berufsorientierte Weiterbildung auf hohem Niveau. Wenn sich nun auf der Welt die Bezeichnung „Bachelor“ durchsetzt und Bildungsnachfrager einem Magnet gleich anzieht, ist dem nüchtern Rechnung zu tragen. Bleibt dieser Titel der Hochschulwelt vorbehalten, wird der Strom an die Hochschulen zunehmen, jener in die Höhere Berufsbildung versiegen. Darum plädiere ich dafür, das Wesen der Höheren Berufsbildung zu bewahren, damit wir die Wirtschaft weiterhin mit bestens qualifizierten Berufspraktikern versorgen können. Gleichzeitig müssen wir einen Abschlusstitel zugestehen, welcher der globalisierten Welt, der Nachfrage und der Ausbildungsqualität gerecht wird. Wenn die Etikette eines Produkts unattraktiv ist, verkauft sich auch der beste Inhalt nicht.
Bei Kafka endet die Verwandlung tragisch, weil es der Autor so will. Es liegt am Willen: Die Wandlung des eidgenössischen in einen international kompatiblen Titel wäre ein glückliches Ende.

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Ohne Private keine Innovationen in der Bildung

Möchten Frau und Herr Schweizer, dass die Banken in unserem Land staatlich sind? Eine erdrückende Mehrheit wohl nicht. Würde gewünscht werden, dass es neben Migros, Coop etc.  staatliche (subventionierte) Supermärkte gibt? Vermutlich auch nicht. Wenn es um Bildung geht, ist aber plötzlich vieles anders. Ein durchaus interessantes Phänomen.

In der Bildung wird mancher hierzulande staatsgläubig. Ist staatliche Bildung denn besser als private? Das lässt sich einfach so wohl kaum beantworten. Ich vermute aber, dass staatliche Bildung in der Qualität wohl weniger streut als private; sowohl nach unten als auch nach oben! Es mag sein, dass es bei den Privaten einige schwärzere Schafe gibt als beim Staat. Auf der anderen Seite bestehen hervorragende private Bildungsanbieter und –angebote, weshalb eine differenzierte Beurteilung der privaten Bildung angezeigt ist. Ohne Privatinitiative wäre das staatliche Bildungswesen nämlich bedeutend ärmer. Zahlreiche wichtige Bildungsinnovationen sind Erfindungen Privater, die dann im Erfolgsfall gerne vom Staat übernommen oder kopiert worden sind.

Heute gibt es an Kantonsschulen zweisprachige Maturitätsklassen. Private Gymnasien kennen das schon länger. Hochschulen für Wirtschaft an Fachhochschulen sind sehr beliebt; sie sind die Weiterentwicklung der HWV (Höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschule), die vom privaten SIB erfunden worden ist. Auch die Höheren Fachschulen für Wirtschaft wurden in den 1970-er Jahren als HKG (Höhere kaufmännische Gesamtschule) von Privaten gegründet. Wenn nicht Privatschulen die Zweitwegmaturität ins Leben gerufen hätten, gäbe es sie wo möglich an staatlichen Schulen heute noch nicht. Die Aufzählung heute nicht weg zu denkender Bildungsangebote, die der Privatinitiative entspringen, könnte lange fortgesetzt werden. Nur schon die genannten Beispiele sollten aber Beleg dafür sein, dass es in der Bildung nicht anders ist als in anderen Dienstleistungsbereichen. Die Vielfalt hinsichtlich Bildungsmöglichkeiten und –chancen sind zu allererst den Privatschulen zu verdanken. Das Heil ist deshalb auch in der Bildung nicht beim Staat zu suchen. Den Privaten in der Bildung und den für sie günstigen Rahmenbedingungen ist Sorge zu tragen. Denn auf die Frage in der Bildung: „Wer hat’s erfunden?“ lautet die Antwort fast immer: „Die Privaten!“

Schulqualität und Kommunikation

Die Qualität sozialer Systeme hängt massgeblich von der Qualität der Kommunikation ab. Wenn Menschen zusammen auf ein Ziel hinarbeiten, spielt also die Art und Weise, wie miteinander kommuniziert wird, eine zentrale Rolle. Das leuchtet auf Anhieb ein. In Schulen ist das natürlich nicht anders. Schulkultur ist daher immer auch Kommunikationskultur. Der Lernerfolg von SchülerInnen hängt nicht einfach vom Stoff und dessen Schwierigkeitsgrad ab. Daher lässt sich aus Schulnoten zu gleichem Lernstoff allein nicht folgern, wer intelligenter ist. Es lässt sich auch nicht sagen, wer den Schulstoff besser beherrscht. Ein und derselbe Schulstoff kann in verständlicher oder weniger verständlicher Art vermittelt und geprüft werden. Auf Schulleistungen können Lehrkräfte hilfreiche oder weniger hilfreiche Rückmeldungen geben, aus denen die SchülerInnen etwas lernen können — oder eben auch nicht. Der Lernerfolg hängt also massgeblich von Kommunikationsleistung und -qualität im Unterricht und in Prüfungen ab. Ein weiterer Schluss ist darum, dass die Kommunikationskultur entscheidend von der Qualität der Anschaulichkeit der Sprache und — ganz wichtig — der Qualität der Rückmeldungen geprägt wird. Welche Hinweise und Anleitungen erhalten SchülerInnen auf Fehler? Eine vitale Frage für den Lernfortschritt.

Das wird noch zu oft viel zu wenig berücksichtigt. Es wird viel Zeit für das Vermitteln von Lernstoff aufgewendet aber zu wenig für Rückmeldungen auf Lernleistungen. Eine Aufgabe der Schule ist auch das Kategorisieren (Selektieren) von SchülerInnen nach ihren Schulleistungen. Allzu häufig wiederspiegeln diese Kategorien jedoch nicht die schulischen Fähigkeiten der SchülerInnen, sondern die kommunikativen Fähigkeiten der Lehrpersonen.

Aus der Erkenntnis heraus, dass gutes Lehren nicht ausschliesslich in der Fachkompetenz und Methodik-Didaktik der Stoffvermittlung gründet, muss die Führung und Entwicklung von Schulen ihr Augenmerk auf die Art und Weise der Rückmeldungen zu Lernleistungen richten. Und es wird nicht gehen, ohne die SchülerInnen dazu zu befragen, wie gut sie mit den Lehrpersonenleistungen in Unterricht und bei Rückmeldungen zurechtkommen. Damit tun sich aber LehrerInnen und SchulleiterInnen v.a. an öffentlichen Schulen sehr schwer; leider und zu Unrecht. Eine umfassende Feedback- und gute Kommunikationskultur ist nicht nur gut für die Schule; sie ist auch Schule fürs Leben.

Lieber Leser, liebe Leserin, teilen Sie meine Ansicht, oder haben Sie eine andere Meinung? Ich freue mich über eine Diskussion hier.

Denn sie wissen nicht, was sie denken

Es ist Tradition insbesondere deutschsprachiger Soziologen, dass sie die Intelligenz von Experten über jene des Marktes stellen. Karl Weber ist ein gutes Beispiel für den Glauben an die Expertokratie. Ihm folgend würden wir auch in der nachobligatorischen Bildung das glückseligmachende „Einheitscurriculum“ für die Dienstleistungsbranche suchen. Und „eine ordnungspolitische Begrenzung der Eigeninteressen der Bildungsanbieter“ (Zitat) könnte die bösen und egoistischen Wettbewerbskräfte weiter zügeln.
Die Schweiz hat im Vergleich zum Ausland ein überaus vielfältiges und flexibles Bildungsangebot, das wir grossteils den Marktkräften verdanken. Und wir haben eine überaus tiefe Arbeitslosigkeit; auch bei jungen Menschen. Offenbar ist es um unser nachobligatorisches Bildungssystem nicht so schlecht bestellt. Natürlich haben wir Problemfelder, die zu bearbeiten und einer Lösung zuzuführen sind. Und ich gebe Karl Weber Recht; die Bildungspolitik ist gefordert. Aber ich denke in eine andere Richtung als Karl Weber. Ein Grossteil der berufsorientierten nachobligatorischen Bildung wird von Arbeitgebern materiell und immateriell unterstützt. Es ist überheblich zu glauben, dass Bildungsnachfrager in Abstimmung mit Arbeitgebern nicht in der Lage sein sollen, das für sie passende Bildungsprogramm auch unter zahlreichen Angeboten zu ermitteln. Es ist daher ein System gefragt, das noch rascher und flexibler auf den Strukturwandel in der Arbeitswelt reagiert. Die Lösung ist einfach: Mehr und nicht weniger Markt. Das hiesse auch, dass man die Subventionierungspolitik komplett überdenkt. Wenn man die Bildungsnachfrager und nicht die -anbieter unterstützt, werden Angebote, welche die Interessen der Arbeitswelt nicht zu befriedigen mögen, schnell verschwinden. Ohne grosse Büro- und Expertokratie bekämen wir ein effizientes, nachfrageorientiertes und arbeitsweltnahes berufliches Bildungssystem. In einem solchen System bräuchte es dann weniger Expertisen von Professoren, was aber deren Eigeninteressen begrenzen dürfte.
Reaktion auf „Wie die nachobligatorische Bildung zukunftsfähiger würde“ von Karl Weber, erschienen in der NZZ vom 5.1.2012, Seite 19
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Irren ist menschlich und auch akademisch

Die NZZaS vom 26. Juni berichtet, dass erstmals seit 2003 das Angebot an Lehrstellen die Nachfrage übersteigt. So sollen z.B. bei Novartis bereits rund 20 bis 30 % der Lernenden (Auszubildenden) aus dem nahen Ausland stammen. Wir haben uns in der Schweiz bereits daran gewöhnt, dass wir qualifizierte Fach- und Führungskräfte im Ausland rekrutieren müssen, um unsere Wirtschaft voran zu bringen. Dass wir immer mehr auch Lernende importieren müssen, ist dann doch für viele wohl eine Neuigkeit. Ist es auch eine Überraschung? Nicht wirklich. 

Der Grund ist nicht bloss die Demografie. Unser Schweizer Trumpf, die arbeitsmarktorientierte duale Berufsbildung, geriet nämlich ob der Diskussion um die Hoch- und Maturitätsschulen sträflicherweise in deren Schatten. Die Umstrukturierung der Hochschulen im Zuge des Bologna-Prozesses zog die Politik, Medien und Öffentlichkeit derart in Bann, dass wir eine zentrale Stütze unserer Wirtschaftskraft aus dem Blickfeld verloren haben. Kluge Köpfe der Akademien der Wissenschaften stellten unlängst in ihrem Weissbuch über die Zukunft der Bildung Schweiz die duale Berufsbildung gar als mögliches Auslaufmodell dar. Man sah das Heil in massiv höheren Maturitäts- und Hochschulquoten.

Die duale Bildung mit der dazugehörenden höheren Berufsbildung wurde weit unter ihrem Wert gehandelt. Und das rächt sich jetzt offenbar. Viele Eltern raten ihren Kindern blind den Weg an die Hochschule, und viele Kinder folgen diesem Rat. Das ist nicht klug, auch wenn kluge Leute dazu raten. So vielfältig unsere Wirtschaft ist, so vielfältig sind die Qualifikationsanfoderungen an die Arbeitskräfte. Darauf kann es nicht nur eine einzige angemessen Antwort geben. Unser Bildungssystem ist dank der Berufsbildung sehr flexibel und vielfältig, wie unsere Wirtschaft auch. Und daher kann unser Bildungssystem auf die Bedürfnisse der Wirtschaft rasch und effizient reagieren. Wenn wir fordern, dass die duale Berufsbildung gestärkt wird, meinen wir nicht, dass die Hochschulen geschwächt werden. Aber wir müssen von der Profilierung des einen Bildungsstrangs zulasten des anderen absehen. Beide Stränge sind für sich wertvoll und bedürfen der sorgfältigen Pflege. 

Die klügsten Akademiker können irren, wenn es um die Beschreibung und Bewältigung der Realität geht. Ein schlagender Beweis dafür, dass akademisch nicht gleich besser ist. Hätte man statt der Akademien der Wissenschaften Akteure der dualen Berufsbildung gefragt, welche Bildungsabgänger in Zukunft gefragt sein werden, wäre ein viel realitätsnäheres und praktisches Ergebnis herausgekommen: Ohne unser ausdifferenziertes Bildungssystem, das die duale Berufsbildung als ganz wichtigen Teil versteht, lässt sich der Schweizer Wohlstand nicht halten und weiter entwickeln.

Illusionen und Selbsttäuschung im öffentlichen Schulwesen

06/06/2011 3 Kommentare

Mein 13-jähriger Sohn will Arzt werden. Die freudige Nachricht: Die erste Hürde zu diesem anspruchsvollen Ziel hat er genommen, die Aufnahmeprüfung ins Langzeitgymnasium ist bestanden. Alles andere als freudig waren die Erfahrungen mit unserer Volksschule auf dem Weg zur Aufnahmeprüfung.

Die öffentliche Schule hat einen Vorbereitungskurs angeboten, und damit ist auch schon alles Positive gesagt. Die Qualität dieses Kurses war nämlich erbärmlich. Mein Sohn sagte mir, das Tempo sei sehr langsam und er verstehe die Erklärungen der Kursleiterin nicht. Der Kurs gab ihm keine Orientierung. Alle Kinder gaben negative Rückmeldungen zum Kurs. Der rasche Hinweis auf diesen Umstand wurde mit dem Argument abgeschmettert, die letztjährige Erfolgsquote der Prüflinge lasse den Schluss zu, der Vorbereitungskurs sei gut. Ich hatte verstanden: Man will nichts unternehmen.

Für mich war klar: Auf unsere Volksschule kann ich nicht zählen. Und es war mir auch plötzlich klar, weshalb die privaten Vorbereitungskurse boomen. Ich tat, was viele andere Eltern auch tun: Zusätzlich zum öffentlichen habe ich meinen Sohn in einen privaten Vorbereitungskurs eingeschrieben. Und die Erfahrung war äusserst positiv. Mein Sohn ging gerne in den Kurs! Er sagte mir, der Unterschied zum öffentlichen Kurs sei sehr gross. Die Lehrerin im privaten Kurs könne die Aufgaben so erklären, dass er sie verstehe. Den öffentlichen Kurs wollte mein Sohn nicht mehr besuchen. Ich beliess ihn drin nach dem Motto: Nützt es nichts, schadet es nichts.

Von der Anbieterin des privaten Kurses erhielt ich während der Vorbereitung drei Berichte über den Lernfortschritt meines Sohnes und auch Tipps, wie er sich verbessern könne. Von unserer Volksschule hörte ich: nichts.

Mein Mitleid gilt allen Eltern und Kindern, die auf die Volksschule vertrauten und/oder sich einen privaten Vorbereitungskurs nicht leisten konnten. Von Chancengleichheit kann leider keine Rede sein. Das liegt allerdings nicht an den privaten Angeboten, die es in diesem Masse nicht gäbe, würde die öffentliche Volksschule ihren Job erfüllen. Der Markt spürt Ineffizienzen und Ineffektivitäten – zu unserem Glück – rasch auf. Es ist die öffentliche Schule, die der Chancengleichheit zuwiderhandelt. Für sie gilt offenbar: Was nicht sein kann, darf nicht sein. Ich bin sehr enttäuscht.

Wie eingangs bemerkt hat mein Sohn, als einer der wenigen unserer Gemeinde, die Aufnahmeprüfung ins Langzeitgymnasium auf Anhieb geschafft. Einige Tage nach der Notenmitteilung hatte ich schon ein Mail der Anbieterin des privaten Kurses, die wissen wollte, wie es unserem Sohn ergangen war. Und nach meiner Antwort bekam ich umgehend ein Gratulationsschreiben. Von unserer Volksschule habe ich natürlich nichts gehört. Mein Fazit: Interesse bekundet und uns ernst genommen hat nur die private Anbieterin. Für den Kurs unserer Volksschule gilt: Er hat mich – ausser der Steuern – nichts gekostet. Und er war auch nichts wert.

Die öffentliche Schule wird unseren Sohn natürlich auch für sich als Erfolgsfall beanspruchen. Und unzufriedene Eltern werden in einem Jahr hören, dass der Vorbereitungskurs die Kinder zum Erfolg führe. Und so lebt unsere Volksschule weiterhin in Illusionen und täuscht sich selber. Zum Schaden vieler Kinder, die das Zeug für das Gymnasium hätten. Es ist an der Zeit, dass sich die öffentliche Schule der Realität stellt. Einmal mehr kann sie von den Privaten lernen. Aber will sie das?

Muss uns private Bildung teuer sein?

15/04/2011 5 Kommentare

Neulich war ich im Rahmen einer Bildungsveranstaltung mit einem wiederkehrenden Vorurteil konfrontiert: Mit Bildung Geld verdienen ist unanständig. Dabei sind nicht die vielen Lehrkräfte oder Angestellten in Bildungsbehörden gemeint. Gemeint sind private Institutionen, die mit Bildung Geld verdienen und evtl. sogar Gewinn erzielen wollen. Ich meine, es ist ein grosses Glück, dass es private Bildung gibt. Die besten Universitäten der Welt – jene in den USA – sind beispielsweise mit wenigen Ausnahmen privat. Zugegeben: Auch unter den schlechtesten US-Unis sind die privaten gut vertreten.  Ich will ja nicht bestreiten, dass die Qualität der Bildungsinstitutionen breit streut. Das gilt aber für private und für staatliche Institutionen. Und das gilt für alle Güter und Dienstleistungen auf unserem Planeten.

Der Gewinn berechnet sich aus dem Ertrag abzüglich der Aufwendungen einer Periode. Man erkennt rasch, dass ohne Gewinn keine Mittel für Investitionen verfügbar wären. Gewinnorientierung ist demnach die Basis der Zukunftsfähigkeit: Ohne Gewinn keine Investitionen und damit keine (Mittel zur Gestaltung der) Zukunft. Gewinn ist also keine Frage der Gier oder mangelnden Anstands. Ein Thema der Gier mag die Verwendung des Gewinns sein, nicht aber der Umstand, dass Gewinn erzielt werden muss. Darüber, ob der Staat, der Gewinne besteuert, oder die Aktionäre, die ihr Risiko belohnt haben wollen, hinsichtlich des Gewinns „gieriger“ sind, liesse sich bei Privatschulen streiten. Die meisten privaten Schulen sind Inhaber geführt, haben also ein Aktionariat, das langfristig orientiert ist.

Private, insbesondere Gewinn orientierte Bildungsinstitutionen, sind meist innovativer als staatliche. Wer sein Geld am Markt verdienen will, muss sich an ihm orientieren. Private Bildungsinstitutionen, die überleben wollen, müssen sich an den Bedürfnissen der Bildungsnachfrager ausrichten. Nur so finden sie Kunden. Lassen Sie mich einige Bildungsinnovationen in der Schweiz aufzählen, die der Privatinitiative entspringen: Höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschulen HWV (heute Hochschulen für Wirtschaft an Fachhochschulen), zweisprachige (immersive) Bildungsprogramme z.B. an Mittelschulen, Schulen für Kinder von Expatriates, Höhere kaufmännische Gesamtschulen HKG (heute Höhere Fachschulen für Wirtschaft) und viele mehr. Natürlich bieten auch staatliche Organisationen einige dieser Innovationen an; aber sie haben sie nicht erfunden, sondern kopiert! Ohne Private gäbe es viele wertvolle Bildungsangebote gar nicht, zu spät oder in ungenügender Menge.

Wer meint, mit Bildung Gewinn zu machen, sei unanständig, vertritt in der Regel auch die Ansicht, private Bildung sei zu teuer. Falsch! Private Bildung ist fast immer günstiger als staatlich finanzierte. Die gleiche Leistung wird vom Staat beinahe ausnahmslos teurer erbracht als von Privaten. Der Unterschied liegt in der Finanzierung. Private, Gewinn orientierte Bildung finanziert sich – wie schon bemerkt – meist über den Markt. Das heisst, der Bildungsnachfrager bezahlt – verursachergerecht – die Kosten inkl. Gewinnspanne für die Bildungsleistung. Bei der subventionierten Bildung bezahlt man weit weniger als die Kosten, glaubt man. Das stimmt nicht absolut, sind wir doch alle Steuerzahler und damit Financiers staatlich subventionierter Bildung. Private Bildung ist nicht teurer als staatliche und staatlich subventionierte; da wir letztere über unsere Steuern finanzieren, bringen wir sie bloss nicht in direkten Zusammenhang.

Private Bildung ist gemessen an der Leistung nicht teuer; als wesentlicher Motor von Bildungsinnovationen muss sie unserer Wissensgesellschaft teuer sein.